Familie Wiesenfelder

Siegmund Herz Wiesenfelder, geb. 26.01.1890, und seine Frau Rosa Wiesenfelder, geb. Klebe 02.10.1896 in Rhina, wohnten in der Hünfelder Straße, der Hausname war „Herze“. Die Familie hatte 4 Kinder, Martha, geb. 26.07.1923, Herbert, geb. 15.07.1926, Bertha, geb. 04.10.1928, und Dewara, geb. 25.02.1939.

Herr Wiesenfelder fuhr mit dem Fahrrad mit Stoffbündeln über die Dörfer und hausierte, die Familie war sehr arm. Im Obergeschoss des Hauses Wiesenfelder war die Judenschule untergebracht. Familie Wiesenfelder war die letzte jüdische Familie, die Eiterfeld verließ (1939). Die Wiesenfelders gingen nach Frankfurt am Main, wo sie in bitterer Armut lebten. Anna Bender, die Schwester von Gustel Giebel, brachte der Familie öfters Lebensmittel.

Wiedersehen im Kaukasus

Ein ergreifendes letztes Wiedersehen gab es am 28.09.1942 in Ordschonikidse im Kaukasus zwischen zwei Eiterfeldern im Krieg: Siegmund Wiesenfelder, der mit dem Judenstern gekennzeichnet in einer Zwangsarbeiterkolonne in Sträflingskleidung dort Dienst tat und Richard Glotzbach, dem Gefreiten einer Panzerabteilung der deutschen Wehrmacht.

Die Einheit von Richard Glotzbach wurde an diesem Tag vom Großraum Alagir in den Großraum Ordschonikidse verlegt. Sein Auftrag war, die ankommende Einheit an der Großkreuzung zu überwachen. Da er einige Minuten früher eintraf, sah er sich in der Gegend um und schaute in Richtung der arbeitenden Häftlinge.

Der Gefreite parkte sein Fahrzeug unmittelbar neben der arbeitenden Kolonne. Die Sträflinge mussten mit Pickeln und Schaufeln Steine zerkleinern und verteilen, um Rollbahnen für deutsche Panzer zu schaffen.

Plötzlich hörte er jemanden den Namen seines Vaters rufen, dieser ungewöhnliche Name „Bonaventura“, der hier so merkwürdig vertraut klang. Beim dritten Rufen des Namens „Bonnevent“ blickte er in die Richtung des Rufenden und schaute genauer zu der Stelle, aus der er die Stimme gehört hatte. Da erblickte er einen Häftling, der sich mit der Frage: “Bonnevent, kennst du mich denn nicht mehr?“ die Kappe vom Kopf riss. In diesem Moment erkannte er Siegmund Wiesenfelder, einen Juden aus seinem Heimatdorf. Erstaunt rief er: „Jesus, das ist ja der Herz“ (Der Hausname der Wiesenfelders). „Komm doch mal zu mir rüber!“ Ein Wachhabender versuchte einzuschreiten, Richard Glotzbach jedoch verbat sich dieses Eingreifen mit den Worten: „Lass den Mann doch mal zu mir, wir sind aus demselben Ort und würden uns gerne begrüßen.“

Die beiden Männer, die in Eiterfeld ein eher distanziertes Verhältnis zueinander hatten, fielen sich in die Arme. Unter Tränen fragte Siegmund Wiesenfelder: „Wann warst du das letzte Mal daheim, hast du was von meiner Familie gehört“?

Richard Glotzbach erzählte, dass er Weihnachten das letzte Mal in Eiterfeld gewesen sei und dass er von der Familie Wiesenfelder, welche Eiterfeld ja schon im Frühjahr 1939 verließ, nichts gehört habe. „Und wie geht es deinen Brüdern? Es muss für deine Eltern ganz schrecklich sein, so viele Kinder im Krieg zu wissen“, sagte Wiesenfelder. „Ja, ich bin der Vierte, der eingezogen wurde. Meine Mutter betet, dass wir wieder gesund nach Hause kommen“, erzählte Glotzbach.

Flüsternd fragte Siegmund Wiesenfelder nach einem Stück Brot. Richard Glotzbach nahm ihn mit zu seinem Fahrzeug und gab im eineinhalb Kommisbrote und je eine 50g-Dose Griebenfett, Cornedbeef und Leberwurst –  alles was ihm entbehrlich schien.

Beim Abschied umarmten sich die Männer ein letztes Mal, Siegmund Wiesenfelder sagte unter Tränen zu Richard Glotzbach: “Ich werde Eiterfeld wohl nicht mehr sehen, hier komme ich nicht mehr raus. Grüß mir Eiterfeld, grüß alle, die nach mir fragen.“ Nachdem sich beide schon verabschiedet hatten, ging Richard Glotzbach abermals zurück und gab Herrn Wiesenfelder noch eine Dose seiner eisernen Ration. 

Die Stelle, an der sich die beiden getroffen hatten, passierte Richard Glotzbach am nächsten Tag noch einmal, wie zum Gruß hoben die Häftlinge ihre Schaufeln. Die beiden Männer konnten zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, dass dieser unmenschliche Krieg noch zweieinhalb grausame Jahre dauern sollte.

Siegmund Wiesenfelders Spur verliert sich im nördlichen Kaukasus. Er hat, wie seine gesamte Familie, den Krieg nicht überlebt. Richard Glotzbach starb am 15.06.2014 im Alter von fast 92 Jahren. Sein Bruder August überlebte den Krieg nicht. Die anderen beiden Brüder kehrten ebenfalls heim. Seine menschliche Geste in einer finsteren Zeit hat Herrn Wiesenfelder vielleicht ein letztes winziges Zeichen von Humanität im Dunkel des KZ-Daseins erleben lassen.

Wiesenfelder
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